Burnout kriegen doch nur die anderen – oder doch nicht?


Zum ersten Mal piept es im Ohr des Hoteldirektors, als er – wie die letzten Monate auch – nach einem 13-Stunden-Tag und einer schnellen Dusche in seinem Bett liegt. Er lässt den Tag Revue passieren und plant – wie die letzten Monate auch – abends vor dem Einschlafen, den kommenden Tag gedanklich durch. Das Piepen fällt ihm zuerst gar nicht auf, denn es wird durch sein pochendes Herz, das ihm fast bis zum Hals zu schlagen scheint, übertönt. Nein, er ist noch viel zu aufgedreht, um zu schlafen. Wenn er wieder ein bisschen runterkommt, wird das Piepen und das Pochen schon aufhören. Also holt er sich ein Glas Wein und eine Schachtel Zigaretten aus der Küche, geht in sein Arbeitszimmer, klappt den Laptop auf und beantwortet ein paar E-Mails. Ordnung muss ja schließlich sein und zudem soll ja niemand zu lange auf eine Rückmeldung von ihm warten. Außerdem hat er die Verantwortung für über 100 Mitarbeiter in seinem Hotel. So sitzt er da also die nächsten zwei Stunden. Die Flasche Wein und die Schachtel Zigaretten sind mittlerweile leer und er so müde, dass er das Piepen im Ohr und das Pochen seines Herzschlags nicht mehr wahrnimmt. Erschöpft fällt er ins Bett, aus dem er drei Stunden später durch das Klingeln des Weckers wieder aufschreckt. Den Hoteldirektor erwartet ein neuer Tag mit den alten Stresssymptomen…

Ich traf ihn vier Wochen nach seinem Hörsturz – das „finale Symptom“ seines Burnouts, das ihm endlich signalisierte: Irgendetwas läuft hier gewaltig schief. Er begab sich in ärztliche Behandlung und wir arbeiteten daran, die „psychologischen“ Gründe für seinen Zustand zu eruieren. Wir führten eine Lebensmotivanalyse auf Basis des Reiss Profile durch. Diese gibt Aufschluss darüber, was Menschen antreibt, was ihnen wichtig ist, wonach sie streben, was sie brauchen, um wirklich zufrieden, glücklich und leistungsfähig zu sein. In dem Reiss Profile des Hoteldirektors fanden wir schließlich Erklärungen für seinen Zustand:

Burnout? – Lebensmotivanalyse

Das Reiss Profile als Burnout-Vorhersage

Es wurde auf einen Blick sichtbar, warum der Hoteldirektor sich so getrieben fühlte. Sein stärkstes Motiv ist die „Emotionale Ruhe“, das Streben nach einem „angstfreien“, stabilen Leben. Menschen mit einem ausgeprägten Ruhemotiv versuchen, Stresssituationen und Risiken zu vermeiden, sind vorausschauend und sorgen sich schnell. Sein ausgeprägtes Ordnungs-, Anerkennungs- und Ehremotiv fütterte sein großes Streben nach Perfektion, Prinzipientreue, Loyalität und den Wunsch nach positivem Feedback durch andere. Doch all diese Motive konnte er nicht mehr bedienen, als sein Hotel in Schieflage geriet, die Gästezahlen sowie die Gästezufriedenheit zurückgingen und auch seine Mitarbeiter immer unzufriedener wurden. Einige suchten sich einen neuen Arbeitsgeber, aus Angst, irgendwann ohne Job dazustehen. Das war für den Hoteldirektor, der durch ein ausgeprägtes Ehremotiv großen Wert auf Loyalität legt, natürlich ein herber Rückschlag. Hinzu kam, dass er – trotz eines großen Teams im Rücken – viele Entscheidungen letztlich allein zu treffen hatte. Eine Tatsache, die mit seinem ausgeprägten Beziehungsmotiv nur schwer zu vereinbaren war. Er hatte eigentlich das Bedürfnis, mit anderen zusammen zu sein, seine Gedanken, Sorgen und Ideen zu teilen. Doch das war für ihn nicht das angemessene Verhalten eines Hoteldirektors. Er wollte Anerkennung für seine Ideen und keine Schwäche zeigen. Deshalb entschied er sich für noch mehr Arbeit, noch mehr Ordnung, noch mehr Perfektion, noch mehr Selbstdisziplin.

„Ich bin schwach.“

Diesen Glaubenssatz signalisierte er nun mit jeder Pore seines Körpers, als er mir vier Wochen nach seinem Hörsturz wie ein Häufchen Elend gegenüber saß und geschockt auf sein Reiss Profile starrte. „Sagen Sie mir bitte, was nicht mit mir stimmt und was ich ändern muss.“ Drei Coaching-Sessions später hatte er zwei essenzielle Dinge verstanden:

  1. Ich bin ok so, wie ich bin. Es gibt kein gutes oder schlechtes Reiss Profile, sondern nur ein gutes oder schlechtes Umfeld.
  2. Wenn ich es schaffe, mein Umfeld an meine individuellen Bedürfnisse anzupassen, dann kann ich zufriedener, glücklicher und erfolgreicher leben und arbeiten.

Basierend auf seinem Reiss Profile erarbeiteten wir die folgenden, motivorientierten Handlungsmaßnahmen:

  1. Einmal wöchentlich trifft er sich mit den Führungskräften der einzelnen Abteilungen, um gemeinsam Ideen und Strategien zu entwickeln, zu verabschieden, zu prüfen oder gegebenenfalls zu verwerfen.
  2. Wir entwickelten einen Umsetzungsplan, der es ihm ermöglichte, einige Aufgaben an seine Mitarbeiter zu delegieren und sich so die nötige Luft für andere, wichtige Dinge zu verschaffen.
  3. Als körperlichen Ausgleich zu seinem stressigen Job spielt er einmal die Woche mit seinen besten Freunden Tennis. Sein geringes Streben nach körperlicher Aktivität kompensiert er durch die gemeinsame Aktivität mit anderen Menschen.
  4. Er bekam Strategien an die Hand, die ihn daran erinnerten, regelmäßig zu reflektieren, wie es ihm gerade geht. Er hörte stärker auf seinen Körper und gönnte sich regelmäßige Ruhepausen.

Einen Ausgleich schaffen, sich Auszeiten nehmen, auf seinen Körper hören

Das hätte den dänischen Sterne-Koch Martin Sten Bentzen vielleicht gerettet. Doch sein Herz versagte. Todesursache Stress. Die Entwicklung des oben genannten Hoteldirektors zeigt hingegen, dass man diesem Schicksal entkommen kann –  wenn man seine Lebensumstände seiner Persönlichkeit anpasst. Ganz nach dem Motto: Wenn du ein Pinguin bist, dann solltest du nicht in der Wüste arbeiten. Und wenn wir gerade schon bei den Beispielen aus der Tierwelt sind, so darf der berühmte Hamster im Hamsterrad natürlich auch nicht fehlen. Hier hat mich das ZEIT-Interview mit dem ehemaligen Benediktinermönch Anselm Bilgri über das Thema „Muße“ sehr bewegt. Er greift das Bild des Hamsterrades ebenfalls auf und betont, dass das kleine Tierchen das Rad doch selbst antreibt, ohne dass es von jemandem dazu gezwungen wird.

Wir haben also die Wahl, ob wir uns in das Hamsterrad hineinbegeben und anfangen wollen, zu rennen. Wir sollten uns regelmäßig fragen: Wann laufen wir zu schnell und zu lange in unserem Hamsterrad des Alltags und wann sollten wir uns ein Pause gönnen? Wann verdrängen wir unsere persönlichen Bedürfnisse? Und wann beginnt der schleichende Prozess eines fortschreitenden Energieverschleißes auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene? Das Reiss Profile kann dabei helfen, Stressrisiken zu erkennen und einen Burnout zu verhindern: durch die Veränderung des Umfeldes. Und das funktioniert auch und vor allem in der vielseitigen Branche der Hotellerie.

Ein Gedanke zu „Burnout kriegen doch nur die anderen – oder doch nicht?“

  1. Edwin van der Meulen

    Welch‘ treffender Report in relativ wenigen Zeilen komprimiert !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

*